Die Charta 77 war eine Bürgerinitiative in der kommunistischen Tschechoslowakei, deren Erklärung am 6. Januar 1977 veröffentlicht und von 241 Bürgern unterzeichnet wurde.

Charta 77 war die Bezeichnung einer Bürgerinitiative in der kommunistischen Tschechoslowakei und zugleich ihrer Erklärung, die am 6. Januar 1977 veröffentlicht wurde. Sie wurde von 241 tschechoslowakischen Bürgern unterzeichnet; nach außen vertraten sie drei Sprecher: der Philosoph Jan Patočka, der Politiker Jiří Hájek und der Dramatiker Václav Havel.[1]
Inhalt der Erklärung
Die Erklärung berief sich auf internationale Dokumente, die vom tschechoslowakischen Staat angenommen worden waren, und erinnerte daran, dass die Verantwortung für die Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte in erster Linie bei der politischen und staatlichen Macht liegt. Sie wies außerdem darauf hin, dass jeder einen Teil der Verantwortung für die allgemeinen Verhältnisse trägt.[1] Das Vojenský historický ústav Praha gibt an, sie habe sich auf die Helsinki-Vereinbarungen gestützt, in denen sich die Tschechoslowakei zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten verpflichtet hatte. Es bezeichnet sie als das bekannteste zeitgenössische Dokument, das die Verhältnisse in der kommunistischen Tschechoslowakei kritisierte.[2] Die Initiative grenzte sich dem Institut zufolge politisch nicht gegen Kommunismus oder Sozialismus ab und betonte, keine Basis oppositioneller politischer Tätigkeit zu sein.[2]
Reaktion des Regimes
Laut der Regierung der Tschechischen Republik begannen die Repressionen gegen die Unterzeichner noch am selben Tag. Es gab Dutzende Hausdurchsuchungen, und zahlreiche Unterzeichner wurden festgehalten. In den Medien begann eine breite Kampagne gegen die Charta, obwohl der Text der Erklärung nirgends offiziell veröffentlicht wurde.[1] Nach Angaben des Vojenský historický ústav Praha wurden am 6. Januar beim Verbreiten des Textes der Sprecher Václav Havel und die Unterzeichner Pavel Landovský und Ludvík Vaculík von der Staatssicherheit festgenommen.[2]
Der erste öffentliche Auftritt der Machthaber in der Presse war der Artikel „Ztroskotanci a samozvanci“ („Gescheiterte und Selbsternannte“), der am 12. Januar im Rudé právo erschien. Andere Zeitungen übernahmen ihn, darunter die Armeezeitung Obrana lidu, wo er einen Tag später veröffentlicht wurde.[2] Das Institut merkt an, dass in ihm nicht einmal der Text der Erklärung zitiert werde. Der Angriff richtete sich seiner Darstellung nach nicht gegen das Dokument, sondern gegen die Unterzeichner und den Personenkreis um sie. Die Obrana lidu druckte auch Resolutionen von Militärversammlungen und Stimmen von Soldaten ab, die die Erklärung verurteilten, ohne sie gelesen zu haben.[2]
Weitere Entwicklung
Der Sprecher Jan Patočka starb am 13. März 1977. Die Regierung bringt seinen Tod mit der Verfolgung in Zusammenhang, die mit seinem Engagement verbunden war. In einer Atmosphäre von Repressionen und öffentlicher Verunglimpfung setzten weitere Hunderte Bürger ihre Unterschrift hinzu.[1]
Gedenken
Zum 40. Jahrestag der Veröffentlichung der Erklärung gab die Regierung der Tschechischen Republik am 9. Januar 2017 eine Erklärung ab, in der sie sich zur Tradition des Ringens der Charta 77 um Menschen- und Bürgerrechte bekennt und sie als bedeutende Bewegung der modernen tschechischen Geschichte bezeichnet. Darin erweist sie den Opfern der Repressionen im Zusammenhang mit der Charta und mit anderen damaligen unabhängigen Initiativen Respekt.[1]