Die Villa Tugendhat ist eine dreigeschossige Villa im Brünner Stadtteil Černá Pole, die der Architekt Ludwig Mies van der Rohe in den Jahren 1929–1930 für das Ehepaar Grete und Fritz Tugendhat entwarf.

Villa Tugendhat, 2024
Villa Tugendhat, 2024Foto: Thomas Ledl, 2024 · CC BY 4.0 · Wikimedia Commons

Die Villa Tugendhat ist eine frei stehende dreigeschossige Villa in Brünn, die in den Jahren 1929–1930 für das Ehepaar Grete und Fritz Tugendhat nach dem Entwurf des deutschen Architekten Ludwig Mies van der Rohe errichtet wurde. Sie steht im hängigen Gelände des Stadtteils Černá Pole und ist nach Südwesten ausgerichtet.[1][2]

Lage und Umgebung

Das moderne Brünn entstand seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, als man begann, die Stadtmauern abzutragen. Die Stadt wuchs rasch, und da die Industriemetropole Mährens wegen des Übergewichts der Textilproduktion als österreichisches Manchester bezeichnet wurde, verlagerte sich die Urbanisierung weiter vom Zentrum weg. Es entstanden Arbeitervorstädte ebenso wie Wohnviertel.[1]

An den mit Weinbergen bepflanzten Hängen über dem Park Lužánky wurde 1860 die erste Villenkolonie in Brünn gegründet. Die älteste war die Kaiserova vila von 1860 in der Černopolní. Laut den Seiten des Betreibers folgten 1862 die Villa des Bauunternehmers Josef Arnold und fast gleichzeitig die benachbarte Villa des Brünner Rechtsanwalts und Bürgermeisters Karl Giskra. Černá Pole wurde in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und bis zum Ende der dreißiger Jahre durch individuelle und genossenschaftliche Bautätigkeit zu einem der angesehensten Brünner Wohnviertel.[1]

Die Arnoldova vila erwarb 1909 Cecílie Hože, die Schwester von Gretas Vater Alfred Löw-Beer. Im Oktober 1939 beschlagnahmte die Gestapo das Anwesen, nach dem Krieg war es in Staatsbesitz, und in den Jahren 1952–2012 befand sich darin ein Kindergarten. Heute gehört es der Stadt Brünn.[1]

Architekt und Baugeschichte

Ludwig Mies van der Rohe lebte seit 1938 in den Vereinigten Staaten und beeinflusste nach Angaben des Betreibers die Entwicklung der amerikanischen Architektur des 20. Jahrhunderts grundlegend. Die Brünner Villa ist heute das am authentischsten erhaltene Werk Miesʼ auf dem europäischen Kontinent.[2]

Fachartikel des Betreibers vergleichen die Villa mit dem Deutschen Pavillon in Barcelona. Beide Bauten entstanden zwischen 1928 und 1930 an entgegengesetzten Enden Europas und gehörten zu den wichtigsten Arbeiten Miesʼ vor seiner Abreise in die Vereinigten Staaten im Jahr 1938.[2]

Restaurierung

Im Jahr 2001 entstand eine bauhistorische Untersuchung des Hauses, die wegen der außerordentlichen Bedeutung des Bauwerks überdurchschnittlich gründlich ausgeführt wurde. Sie umfasst auch eine Bewertung der Villa im Kontext der modernen Weltarchitektur und aus Sicht der Denkmalpflege mit Schwerpunkt auf ihrer außergewöhnlichen Authentizität.[2]

Die Planungsarbeiten zur Instandsetzung begannen Anfang 2005. Das Projekt zur Rehabilitation und Restaurierung der Villa Tugendhat wurde von Januar 2005 bis September 2006 erarbeitet und von einer Gruppe dreier Architekturateliers erstellt: OMNIA projekt, ARCHTEAM und RAW.[2]

In den Jahren 2010–2012 wurde die Villa denkmalpflegerisch instand gesetzt und restauriert. Das Gebäude samt dem angrenzenden Garten wurde in den Zustand zur Zeit der Fertigstellung im Jahr 1930 zurückversetzt, und die Innenräume sind mit exakten Repliken des ursprünglichen Mobiliars ausgestattet.[1]

Sehenswertes

Im Untergeschoss wurden die technischen Räume der Villa restauriert: die Lüftungsanlage, der Heizraum, der Maschinenraum der versenkbaren Fenster und die Kühlkammer für Pelze. Laut den Seiten des Betreibers sind sie im Rahmen eines erweiterten Besucherrundgangs zugänglich. Am selben Ort befindet sich eine Ausstellung über den Architekten, die Bauherren und das Leben der Familie in der Villa bis 1938, als die Tugendhats angesichts der drohenden Gefahr des Zweiten Weltkriegs emigrierten.[1]

Die Familie Löw-Beer

Angehörige der Familien Löw-Beer und Tugendhat bewohnten seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Umgebung mehrere Immobilien.[1] Gretas Vetter Ernst Löw-Beer ließ sich 1935 im Brünner Stadtteil Pisárky in der Kalvodova ein Einfamilienhaus nach den Plänen der Wiener Architekten Rudolf Baumfeld und Norbert Schlesinger errichten. In Svitávka bei Brünn entstand in den Jahren 1900–1902 die Große Villa der Firma Moses Löw-Beer, und 1906 ließ sich Gretas Vater Alfred Löw-Beer die Kleine Villa nach dem Entwurf des Brünner Baumeisters Josef Nebehosteny errichten.[2]

Quellen

  1. Muzeum města Brna (Vila Tugendhat)
  2. Muzeum města Brna (Vila Tugendhat)