
Das Ghetto Terezín entstand in der ehemaligen österreichischen Bastionsfestung Terezín, die die Nationalsozialisten ab Ende November 1941 zu einem Ort der Konzentration und anschließenden Deportation der jüdischen Bevölkerung umgestalteten.[2] Formal handelte es sich um ein Ghetto, tatsächlich aber um ein Konzentrationslager.[2] Zum Areal gehörte auch die sogenannte Kleine Festung auf der anderen Seite der Eger, in der seit 1939 ein Gestapo-Gefängnis untergebracht war.[2]
Entstehung und Errichtung
Die Vorbereitung Terezíns auf seine neue Funktion begann Ende November 1941.[2] In der zweiten Januarhälfte 1942 fand die Wannseekonferenz statt, auf der Reinhard Heydrich die sogenannte Endlösung der Judenfrage vorstellte.[2] Am 16. Februar 1942 erließ Heydrich eine Verordnung, mit der die Gemeinde Terezín als eigenständige Gemeinde aufgehoben wurde und ihre 3142 Einwohner gezwungen wurden, bis zum 30. Juni desselben Jahres auszuziehen.[2] Damit wurde Terezín offiziell zum jüdischen Ghetto.[2]
Wer in das Ghetto deportiert wurde
Laut Plan sollten vorrangig ältere Menschen über 65 Jahre aus dem Protektorat Böhmen und Mähren in das Ghetto gebracht werden.[2] Tatsächlich durchliefen Terezín aber Personen aller Altersgruppen, einschließlich Kindern, nicht nur aus dem Protektorat, sondern auch aus Deutschland, Österreich, Dänemark, den Niederlanden, der Slowakei und Ungarn.[2] Terezín fungierte als Durchgangslager, von dem aus die Häftlinge weiter in die Vernichtungslager im Osten deportiert wurden.[2]
Verwaltung und Funktionsweise
Das Geschehen im Ghetto wurde von der deutschen Kommandantur bestimmt, die ihre Befehle an die sogenannte jüdische Selbstverwaltung weitergab.[2] Auf die Selbstverwaltung wurde dabei auch die Verantwortung für die Auswahl der Häftlinge für weitere Transporte übertragen.[2] Die nationalsozialistische Propaganda präsentierte Terezín nach außen, auch gegenüber den Kommissionen des Roten Kreuzes, als eine Stadt, die Hitler den Juden geschenkt habe.[2] Diesem Eindruck sollte auch die Simulation eines gewöhnlichen Lebens dienen, zu der eine eigene Ghettowährung gehörte, für die es aber praktisch nichts zu kaufen gab.[2] Für Ordnung im Ghetto sollten neben deutschen Soldaten und protektoratsangehörigen Gendarmen auch die sogenannte Ghettowache sorgen, eine aus Häftlingen gebildete Wachmannschaft.[2] Im Jahr 1943, vermutlich im Zusammenhang mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto, reduzierten die Deutschen sie aus Angst vor einem Aufstand auf lediglich hundert Männer über 45 Jahre.[2]
Zahlen und Ausmaß
Von November 1941 bis Mai 1945 wurden insgesamt 139.654 Häftlinge nach Terezín deportiert.[2] Die Befreiung erlebten nur 17.472 von ihnen.[2] In die Vernichtungslager wurden aus Terezín 86.934 Menschen transportiert.[2] Im Ghetto selbst starben bis zum 9. Mai 1945 insgesamt 33.430 Menschen, wobei aufgrund der verbreiteten Typhusepidemie weitere Häftlinge auch nach der Befreiung starben.[2] Die Flucht gelang nur 701 Personen.[2]
Weiterer Kontext
Die Errichtung des Ghettos knüpfte an die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in den böhmischen Ländern an, die seit der Okkupation im März 1939 und bereits davor stattfand.[1] Laut der Volkszählung vom Dezember 1930 bekannten sich in den böhmischen Ländern 117.551 Einwohner zum jüdischen Glauben oder zur jüdischen Nationalität.[1] Nach der Entstehung des Protektorats im März 1939 lebten auf seinem Gebiet etwa 104.000 Personen jüdischen Glaubens sowie weitere über 14.000 Personen, auf die die sogenannten Nürnberger Gesetze angewendet werden konnten.[1] Die Nationalsozialisten versuchten zunächst, diese Bevölkerung zur Emigration zu zwingen, wozu im Juli 1939 in Prag die Zentralstelle für jüdische Auswanderung als einzige Stelle entstand, die eine legale Ausreise ermöglichte.[1] Mit dem Ausbruch des Krieges schränkten sich die Emigrationsmöglichkeiten jedoch allmählich ein.[1] Der erste Massentransport protektoratsangehöriger Juden war der Transport vom 16. Oktober 1941 nach Łódź, von dessen tausend Deportierten nur 24 Personen den Krieg überlebten.[1]
Quellen
- Vojenský historický ústav Praha — 19. Oktober 2021
- Vojenský historický ústav Praha — 19. Oktober 2021